Die Leiden der neuen Generation.
von Linda Say

Jugendliche mit migrantischem Hintergrund sind Meister, wenn es um „Sprach-Switching“ geht. Sätze, die türkisch anfangen, werden deutsch beendet oder umgekehrt. Zuhörer, die eine von beiden Sprachen nicht beherrschen, verstehen also zumindest immer die Hälfte. Grund für diesen Sprachmix ist nicht die Mehrsprachigkeit, sondern die Tatsache, dass viele Jugendliche weder Deutsch noch ihre Muttersprache sehr gut beherrschen. Und das, obwohl sie hier geboren sind und deshalb nie gezwungen waren, wie ihre Eltern oder gar Großeltern einen Deutschkurs zu besuchen.
Zwischen den Identitäten
Die neue Generation hat also das schwere Los, nicht nur zwischen den Sprachen, sondern auch den Identitäten wechseln zu müssen. Das ist Hülya, 12, und Deniz, 14, zu mühsam. Sie entgehen diesem Hin und Her, indem sie einfach nur Deutsch reden. Die Geschwister brillieren in der Schule mit guten Noten, doch die Eltern bedauern die schlechten Türkischkenntnisse ihrer Sprösslinge. „Ich zwinge sie, dass sie zumindest mit mir Türkisch sprechen, aber sie wollen nicht“, ist die Mutter verzweifelt und ärgert sich über die Ignoranz der Kinder gegenüber ihrer Muttersprache.
Dabei würden die Mädchen liebend gerne beide Sprachen gut beherrschen, wäre da nicht die Gefahr, ausgelacht zu werden. „Es hört sich urkomisch an, wenn wir Türkisch sprechen, uns ist das peinlich“, schämen sich die zwei Mädchen und belassen es bei Deutsch. Es scheint, als würde in Zukunft nur mehr Deutsch, getürktes Deutsch oder gedeutschtes Türkisch gesprochen werden. Und das, obwohl Politiker, Unternehmer und die Medien auf die Mehrsprachigkeit schwören und diese als Chance sehen, in der globalisierten Welt mitzuhalten.
Selber lernen!
Experten zufolge könnte ein gezielter Unterricht in der Muttersprache im Kindergartenalter spätere Sprachprobleme verhindern. Denn wer seine eigene Sprache gut beherrsche, könne eine andere besser aufnehmen. Bis es so weit ist, sollten die jungen Leute nicht den Kopf in den Sand stecken. Die Büchereien in Wien quellen über von Fremdsprachenlektüre. Ein altes türkisches Sprichwort besagt: „Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan.“ – „Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen.“ Gemeint ist: Wer eine Sprache beherrscht, der ist nur ein Mensch; wer aber zwei Sprachen beherrscht, gilt als zwei Menschen.
Mehr über getürktes Deutsch und gedeutschtes Türkisch findest du in der dritten Ausgabe von RedX ab Seite 8. Jetzt bestellen!


Okay, ich geb’s zu ...
Sprachgenie bin ich selber keines! Aufgewachsen mit drei Sprachen (Arabisch, Türkisch, Deutsch), habe auch ich viel herumge„switcht“. Mit meinen Geschwistern habe ich trotzdem meist auf Deutsch gestritten. Als dann in der Schule Englisch dazukam, litten meine Muttersprachen noch mehr darunter. Die Angst vor Blamage war groß, als ich auf türkische „Native Speaker“ traf. Doch Schamgefühl bringt dich nicht weiter. Aktiv die Sprache aufleben zu lassen ist gar nicht so schwer! Mein Tipp: mit Kinderbüchern beginnen und mit der Zeit auf anspruchsvollere Lektüre übergehen. Wörterbuch weglassen – vieles erklärt sich beim Lesen von selbst!
Linda Say